Ethik im Cybervalley

Fast zeitgleich mit der Bekanntgabe der geplanten Ansiedlung des Bosch-Forschungszentrums Künstliche Intelligenz erreichte die Mitglieder des Gemeinderats am vergangenen Montag ein Schreiben des Cyber Valley-Verbunds, in dem dieser die Gründung eines „Public Advisory Board“ für die industriefinanzierten  Forschungsprojekte bekannt gab. „Aufgabe des Beirats“, schreibt der Cyber Valley-Verbund, „ist es, Anträge für Forschungsprojekte, die aus dem industriefinanzierten Cyber Valley Research Fund finanziert werden sollen, vorab hinsichtlich ihrer ethischen und gesellschaftlichen Implikationen zu prüfen. Die größte Forschungskooperation Europas auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz schafft damit ein zusätzliches Element der Transparenz.“

Als der Gemeinderat im Dezember letzten Jahres dies (aus Anlass einer für ihn schwierigen Diskussion um die Optionsvergabe an die Firma Amazon) angemahnt hatte, bekamen wir viel Kritik, auch Spott, zu hören. „Übernehmt Ihr euch da nicht, wenn Ihr glaubt, Daimler, Bosch, ZF oder Amazon Vorschriften machen zu können, was die ethische Fundierung auch nur derjenigen Forschungsprojekte angeht, die aus dem Cyber Valley Fund finanziert werden ?“ war noch eine milde Form der Kritik.

„Nein“ haben wir immer wieder versichert, „Illusionen, jemanden unter Druck setzen zu können, machen wir uns nicht. Aber wir sind davon überzeugt, dass es letztlich im gemeinsamen Interesse der Stadt und des Landes, der öffentlichen Forschungseinrichtungen wie der industriellen Partner liegt, der KI-Forschung eine ethische Fundierung zu geben und ein unabhängiges Gremium zu haben, das die Beachtung eines solchen ethischen und gesellschaftlichen Leitbilds in den Forschungsprozessen des Cyber Valley-Verbunds überprüfen und begutachten kann.“

Dass das jetzt so kommt, stimmt mich zuversichtlich, was die gesellschaftliche Rückbindung der Arbeit des Cyber Valley-Verbunds angeht. Und es ist Anlass zur Freude, wenn man sieht, dass Initiativen aus dem Gemeinderat, interfraktionell vorangebracht, Früchte tragen. Die Wissenschaftsministerin beruft zur Zeit die Mitglieder des öffentlichen Beirats, die in alle Forschungsanträge Einsicht haben, Empfehlungen und Bedenken äußern und an den Sitzungen des Research Fund Board teilnehmen können. Ob das ohne den Anstoß des Tübinger Gemeinderats so schnell gekommen wäre ?

Dietmar Schöning

Vorsitzender der Fraktion der Freien Demokraten im Tübinger Gemeinderat

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