Verkehr und Mobilität

Das größte Projekt zur Erhöhung der Mobilität und der Entlastung der Stadt vom Autoverkehr ist die Planung der Regionalstadtbahn. Sie soll am Ende Gegenstand eines Bürgerentscheids sein. Wir stehen seit Beginn des Projekts für eine vernünftige, faktenbasierte Planung und haben den von allen Parteien unterstützten Bürgerentscheid als Erste vorgeschlagen.

Binnenverkehr im Umweltverbund Tübingen

Innerhalb der Stadt legen etwa 75% der Bewohner ihre Wege zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Bus zurück. Dieser sogenannte Umweltverbund hat damit im Binnenverkehr einen für eine Stadt dieser Größenordnung hohen Anteil, den wir gleichwohl weiter ausbauen wollen und können. Eine weitere Förderung des Radverkehrs setzt aber voraus, dass das Gebot gegenseitiger Rücksichtnahme strikt beachtet wird; in innerstädtischen Quartieren gilt dies insbesondere im Verhältnis von Radfahrern zu denen, die zu Fuß unterwegs sind.

Regionaler Verkehr: Dominanz des PKW

Bei Verkehren mit Quelle oder Ziel außerhalb der Stadt bietet sich ein anderes Bild: Hier dominiert der Individualverkehr mit dem eigenen PKW. Da dieser Verkehr zudem – anders als der Binnenverkehr innerhalb Tübingens – weiterhin wächst, stellt sich die Frage nach Alternativen, die das Verkehrsaufkommen verringern, die Anzahl der Staus reduzieren und die Umweltbelastungen deutlich absenken können.

45.000 Pendler pro Tag: Belastung für Stadt und Region

Bei uns sind täglich schon über 45.000 regelmäßige Pendler unterwegs, hinein nach Tübingen und heraus in die Region – Tendenz steigend. Etwa 30.000 Personen pendeln (fast täglich) zu Berufs- und Studienzwecken nach Tübingen hinein. Da auf allen Strecken, die aus der Region nach Tübingen führen (von Reutlingen, von Mössingen, von Rottenburg und von Herrenberg) eine Schieneninfrastruktur vorhanden ist, liegt es nahe, mit dem Ausbau draußen (Elektrifizierung, mehr Haltepunkte, dichterer Takt) und der Fortführung drinnen (Durchbindung der Schienenstrecke zu den Hauptzielen des Pendlerverkehrs in der Stadt) neue Angebote zu schaffen, die die Menschen komfortabler, schneller und umsteigefrei zu ihren jeweiligen Zielen bringen und dadurch einen Wechsel zum ÖPNV attraktiv machen. Auch der Zugang zur Naherholung in der Region wäre nicht mehr auf das Auto angewiesen.

Verlagerungspotential: Regionalstadtbahn als Entlastung

Wegen der spezifischen Struktur der Verkehrsströme im regionalen Bereich war für uns von Anfang an die Einführung einer modernen Regionalstadtbahn das Mittel der Wahl – nicht das einzige, aber ein unverzichtbarer Baustein besserer regionaler Mobilität. Die Wege in der Region werden dadurch einfacher.
Wie hoch die Potentiale der Verlagerung sind, kann zwar niemand mit absoluter Gewissheit voraussagen. Die standardisierte Bewertung für die Regionalstadtbahn Neckar-Alb ist konservativ gerechnet und geht deshalb von eher niedrigen Werten aus. Dennoch kommt sie aber zu einem hohen gesamtwirtschaftlichen Nutzenüberschuss des Projekts. Den Nutzenüberschuss demonstriert in der Praxis die Ammertal-Bahn, die deshalb schon jetzt als Modul 1 der Regionalstadtbahn von Herrenberg bis Bad Urach ausgebaut und elektrifiziert wird. Beispiele anderer Regionalstadtbahnprojekte (Karlsruhe, Heilbronn) lassen in der Realität deutlich höhere Nutzerzahlen erwarten.

Eine nach heutigen Standards gebaute Regionalstadtbahn fährt bei moderner Gleislage leiser als die meisten Busmodelle und hat hohen Fahrkomfort. Sie ist frei von Stickoxid-Emissionen, senkt die CO2-Emissionen und verbessert die städtische Luftqualität. Die Sicherheit von spurgeführten Stadtbahnen auf Innenstadt-Strecken ist in vielen Städten Europas bereits nachgewiesen und muss auch für Tübingen selbstverständlich sein. Aus den genannten Gründen werden europaweit die Innenstadt-Strecken weiter ausgebaut.

Die Planung der Regionalstadtbahn im Bauabschnitt 1 sieht den Neubau einer erheblich verbreiterten Neckarbrücke vor. Damit kann das sichere Nebeneinander von Fußgängern, Radfahrern, Schiene und Auto gewährleistet werden. Im Bauabschnitt 2 bedarf die Planung des Endpunktes auf Waldhäuser Ost im Kontext der Entwicklung der Sozialen Stadt noch der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern.

Wir unterstützen deshalb das Projekt Regionalstadtbahn seit über20 Jahren konsequent. Wir freuen uns, dass Anfang des Jahres mit der Zweckverbandsgründung durch die drei Landkreise, die zwei Städte des Oberzentrums und den Regionalverband Strukturen geschaffen wurden, die es ermöglichen sollten, das Projekt in den nächsten zwei Jahren soweit startklar gemacht zu haben, dass der von allen Gemeinderatsfraktionen zugesagte Bürgerentscheid sinnvoll stattfinden kann.

Bürgerentscheid zur Regionalstadtbahn

Wir haben den Bürgerentscheid zur Regionalstadtbahn 2014 als erste gefordert. Sie ist ein umstrittenes Infrastrukturprojekt und verändert unser gewohntes Stadtbild. Die jetzt auch professionell organisierte öffentliche Diskussion über Pro und Contra der Regionalstadtbahn und mögliche Alternativen ist ein wichtiger Lernprozess für alle Beteiligten. Wir fördern diese Debatte, um am Ende eine informierte Entscheidung der Bürgerinnen und Bürger zu ermöglichen.

Zu klären ist bis zum Entscheid aus unserer Sicht insbesondere die Sicherheit der Fußgänger, die Visualisierung der Veränderungen im Stadtbild, die Tragfähigkeit von Alternativen und eine solide, verantwortliche Kostenplanung in Absprache mit Kreis, Land und Bund. Der Bürgerentscheid muss dann die Streckenführung in Tübingen insgesamt zum Gegenstand haben und darf sich nicht auf einzelne Abschnitte beziehen.

Bundesfernstraßenausbau…

Durch die Regionalstadtbahn werden aber andere Verkehrsprojekte nicht unwichtig. Wir freuen uns, dass der Ausbau der B28 zwischen Tübingen und Rottenburg endlich läuft und erhoffen uns entsprechende Fortschritte für die zwei anderen großen Baumaßnahmen an Bundesstraßen: den Schindhaubasistunnel im Süden Tübingens und die Umfahrung Ofterdingens im Zuge des Ausbaus der B27.

… und Radschnellwege

Ebenfalls wichtig im regionalen Verkehrsmix ist die Schaffung von Radschnellwegen durch den Landkreis, wofür insbesondere die Strecken Reutlingen – Tübingen, Rottenburg – Tübingen und Mössingen – Tübingen in Frage kommen. Zusammen mit den vom Bund geförderten Radbrückenprojekten, mit denen in Tübingen Neckar und Steinlach überquert werden, entsteht ein neues regionales Radwegenetz, dessen verschiedene Stränge in Tübingen intelligent verknüpft werden müssen, um eine optimale Netzwirkung zu erreichen. Aber auch hier gilt und hierfür setzen wir uns ein: Ein neues Radwegekonzept muss seine Entsprechung in einem neuen Fußwegekonzept finden, um den Belangen von Radfahrern und Fußgängern gleichermaßen Rechnung zu tragen.

ÖPNV umsonst?

All dies wird in erheblichem Ausmaß den Einsatz öffentlicher Mittel erfordern, selbstverständlich auch Mittel der Stadt. Vor diesem Hintergrund halten wir nichts vom Konzept „ÖPNV umsonst“. Denn die Erwirtschaftung eines zweistelligen Millionenbetrags durch Haushaltsumschichtungen und Steuererhöhungen von Grund- und Gewerbesteuer ist realistisch und ein solches Projekt kann keinerlei Priorität für sich beanspruchen. Es kann nicht Aufgabe der Kommune sein, allen Bürgern, die sich zu großen Teilen Tickets des Nahverkehrs leisten können, vermeintlich kostenlose Mobilität zu garantieren.

Unsere Alternativen

Soziale Unausgewogenheiten, die bei der Preisgestaltung im ÖPNV an vielen Stellen zu finden sind, müssen zügig abgebaut werden. Dass z.B. ein Oberarzt am Klinikum mit dem Job-Ticket des Landes günstiger fährt als die Masse der Schüler, ist absolut unverständlich. Wir gehen davon aus, dass bei Kindern aus einkommensschwachen Familien die Schülerbeförderungskosten künftig über das Bildungs- und Teilhabegesetz des Bundes finanziert werden (Starke-Familien-Gesetz). Im Übrigen sind die Tarife für Schülertickets so festzusetzen, dass sie nicht über den monatlichen Kosten eines Semestertickets liegen (Kaufpreis plus Solidarbeitrag). Die zusätzlichen Mittel aus der zweiten Stufe des ÖPNV-Gesetzes des Landes setzen wir – wenn nötig – für diesen Zweck ein.

Mobilität der Zukunft

Wie die Zukunft der Mobilität aussieht, kann niemand mit letzter Gewissheit sagen. Deshalb wollen wir neben der Elektromobilität auch anderen Antriebsformen eine Chance geben. Gerade außerhalb der Ballungsräume können zum Beispiel auch Brennstoffzellenfahrzeuge oder mit synthetischen Kraftstoffen betriebene Verbrenner eine passende Lösung darstellen. Wir stehen für Technologieoffenheit und eine pragmatische Verkehrspolitik.

Langsam aber stetig steigen auch in Tübingen Angebot und Nachfrage im Bereich der Elektromobilität. Hier können für uns neue Chancen liegen, gerade auch für Tübingen. Damit die Mobilitätswende auch hier vor Ort gelingt, setzen uns dafür ein

  • Elektroladestationen mit gängigen Anschlüssen und adäquater Ladeleistung an kommunalen Parkhäusern und anderen geeigneten Schwerpunkten bereitzustellen, um möglichst bald ein dichtes Netz von Ladestationen zu gewährleisten,
  • den ÖPNV zügig mit lokal emissionsfreien Bussen auszustatten,
  • die Fahrzeugflotten bei Ämtern und kommunalen Betrieben wo wirtschaftlich sinnvoll ebenfalls mit Elektrofahrzeugen zu ergänzen,
  • neuen Sharing-Modellen (Carsharing, coup, nextbike, Ridepooling) und elektrisch angetriebenen Kleinfahrzeugen, wie E-Scootern, Pedelecs, e-Rikschas, Segway eine Chance zu geben.